- Reimwerk -

Die Autorenseite von Martin Gehring

Monat: Juni 2016

Die Suche nach dem Vogel / Teil 6

Kapitel 6 – Der Limbus des Unbewussten

Immer rasanter wurde die wilde Fahrt auf dem ungezähmten Strom der Gefühle. Ich hielt mich an den morschen Bordwänden meines Kahns fest, beobachtete, wie die Flussufer an mir vorbei jagten und stellte mir bang die Frage, ob ich nicht einen Fehler gemacht hatte, als ich beschloss, mich auf diesen Teil meiner Suche zu wagen. Doch es bestand kein Zweifel, dass dies der richtige und einzige Weg sein musste, denn der Nullbock hatte mich mehr oder minder mit Nachdruck in mein steuerloses und zerbrechliches Gefährt befördert. Wie ein Papierschiffchen jagte und kreiselte mein Boot unkontrolliert durch tückische Stromschnellen und über gefährliche Untiefen. Manchmal spürte ich, wie sein Kiel am Grund des Flusses entlang schabte und das Holz der Planken knarzte und ächzte, wenn das Fahrzeug gegen eine Wasserwalze ankämpfte. Plötzlich trieb mein Gefährt geradewegs auf einen schroffen Felsen zu, der mitten aus dem Fluss ragte und den Weg versperrte. Verzweifelt suchte ich etwas, womit ich das Boot an dem Hindernis vorbei steuern konnte, doch mein Rucksack, in dem ich irgendein Hilfsmittel zu finden hoffte, war vor kurzer Zeit bei der riskanten Passage über einen kleinen Wasserfall über Bord gegangen. Da auch keine Riemen oder ein Steuer vorhanden waren, versuchte ich schließlich mit bloßen Händen paddelnd und rudernd den heimtückischen Felsen zu umschiffen. Doch es war alles vergebens – der Kahn ließ sich nicht von mir navigieren und krachte schließlich in voller Fahrt gegen das Riff, an dem er in tausend Stücke zerschellte. Ich wurde ins Wasser geschleudert.

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Sommer

Vollbärtige Hipsterfresse
Grinst Altersvorsorge
Aus der Plakatwand
Springen von Schatten
durch Schatten in Schatten
Züge auf dem Schachbrett
Das Flimmern der Luft
Ist ein schlechter Vergleich
Träge an der Ecke lehnen
Auf rein gar nichts warten
Oder bis die Sonne dann
Doch ein Stück weiter rückt
Sonst kaum noch Bewegung
Ein überreifer Pfirsich
Finger klebrig vom Saft
Süß und die Wärme rundum
Das ist wie du weißt schon

Die Suche nach dem Vogel / Teil 5

Kapitel 5 – Der Strom der Gefühle

Ich hatte gerade den ersten Schluck Wasser aus dem Bach genommen, als ich mich auf der Stelle herrlich erfrischt fühlte. Gierig trank ich weiter, um meinen Durst zu löschen. Mein Kopfschmerz löste sich auf wundersame Weise auf und das Schwindelgefühl, hervorgerufen vom Alkohol, verschwand. Dann zog ich meine Kleider aus, legte sie am Ufer des Baches zusammen und stieg in das kühle Wasser. Ich spürte, wie meine Haut angenehm zu kribbeln begann und meine Knochen und Gelenke knackten. Ich fühlte mich herrlich. Mit einem Mal, zuerst ganz langsam, dann immer schneller begann das Wasser im Bach zu steigen. Rasch kletterte ich ans Ufer zurück und schnappte mir meine Kleidung. Immer weiter stieg das Wasser und das vormals gemütlich gluckernde Bächlein verwandelte sich in einen reißenden Fluss. Ich konnte mich gerade noch auf eine kleine Anhöhe retten und sah von dort zu, wie das Wasser begann, die ganze Ebene unter mir zu überfluten. Ich setzte mich, um meine Situation zu überdenken. Noch während ich nachdachte, bemerkte ich, wie sich das Wasser wieder zurückzog und in sein Bachbett heimkehrte, als wäre nichts geschehen.

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Appendix Dick von Tommi Brem

PKD01mZum Buch:

Alle Namen aus allen Romanen & Kurzgeschichten des Autors Philip K. Dick („Minority Report“, „Paycheck“, „Blade Runner“), alphabetisch sortiert (und alphabetisch für Titel & Entstehungsjahre).

Wie vielen Menschen „begegnen“ wir eigentlich, wenn wir Bücher lesen? Und wie oft lesen wir über Namen in Büchern einfach hinweg, ohne etwas über den Hintergrund der Personen zu erfahren, einfach weil wir annehmen, es handele sich um fiktive Personen?

Um das zumindest in Ansätzen herauszufinden, hat Tommi Brem alle Kurzgeschichten und Romane des amerikanischen Autors Philip K. Dick gelesen und dabei die Namen aller auftauchenden und erwähnten Personen aufgeschrieben. Genaugenommen die Namen aller denkenden bzw. lebenden Wesen, egal ob es sich um handelnde Personen oder nur um Erwähnungen handelt. Insgesamt sind es deutlich über 3000 verschiedene Namen. Diese Namensliste erscheint nun, alphabetisch sortiert, in Buchform. Als „Appendix“ zum Gesamtwerk von Philip K. Dick, gewissermaßen.

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Die Suche nach dem Vogel / Einschub des Autors

Ein Einschub des Autors

An diesem Punkt der Geschichte hält der Autor inne. Er legt die Feder beiseite, schraubt das Tintenfass zu und sortiert das bislang Geschriebene, um sich einen kritischen wie auch skeptischen Rückblick auf den bisherigen Fortgang der Erlebnisse seines Hauptdarstellers zu gönnen. Und nach gründlichem Studium des bislang Geschehenen muss er am Ende bedauerlicher Weise eingestehen, dass er sich in eine nahezu ausweglose Sackgasse geschrieben hat. Da es nun gilt, die Ursache für diese bedauerliche Situation zu finden und sie aufzulösen, öffnet der Autor hier eine Klammer, um seine Gedanken und Erkenntnisse einzuschieben. Die Probleme, so findet er heraus, beginnen offenbar während der Odyssee seines Helden durch das Labyrinth der Entscheidungen.

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Im Endstadium / Lesung mit Robert Scheel

scheelBevor der Barkeeper geht, liest er noch mal für Dich aus seinem Zeug:

IM ENDSTADIUM
Kurzgeschichten, Gedichte und Fragmente

ROBERT SCHEEL + Lokalprominenz

Nur 3,50 Euro für Schüler, Rentner und sonstige Ermäßigte. Der Rest zahlt einen Fünfer.

Karten gibt es bereits ab dem 11.06. im Hip-Twist.
Die Warnung „ab 18“ sollte ernst genommen werden – nur inhaltlich, keine Passkontrollen…

Deine letzte Chance, Robert Scheel noch einmal live zu erleben.

Samstag, 25. Juni, 21.00 Uhr

Tanzstudio Hip-Twist
Magirus-Deutz-Straße 10
89077 Ulm

El Pollo – Entscheidung in der Sierra Chica / Leseprobe

el-pollo-cover-webEl Pollo

El Pollo war eine Gestalt von sagenhaftem Ruf. Wenn man den aberwitzigen Erzählungen und Spekulationen, die rund um die Sierra Chica kursierten, Glauben schenken durfte, war El Pollo mindestens doppelt so groß wie ein normaler Hahn. Er hatte pechschwarzes, in der Sonne blaugrün glänzendes Gefieder. Ein kolossaler feuerroter Kamm mit einem Durchschussloch zierte sein mächtiges Haupt. El Pollo hatte stechend schwarze Augen und den spitzesten Schnabel ringsum. Er war stets einen schwarzen Poncho gekleidet und hatte einen gewaltigen, mit Silberfäden durchwirkten Sombrero der gleichen Farbe auf dem Kopf. Zudem sah man ihn nie ohne seine Gesichtsmaske. Um die Hüfte trug er einen breiten Patronengurt mit einer silberglänzenden, riesigen Gürtelschnalle, in die sein Porträt ziseliert war. Links und rechts hingen in ledernen, mit goldenen Nieten verzierten Holstern herrlich gearbeitete Bohnenrevolver, die stets gut geölt und schussbereit waren. Lederne Reitstiefel mit polierten Sporen komplettierten das Bild, das sich dem Betrachter von El Pollo darbot.

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Die Suche nach dem Vogel / Teil 4

Kapitel 4 – Ein Traum

Während ich schlief, hatte ich einen seltsamen Traum. Mir träumte, mein Kopf wäre eine Weltkugel. Anstelle meiner Augen hatte ich zwei große, klare Seen, gefüllt mit kaltem, blauem Wasser. Meine Nase war ein hohes und zerklüftetes Gebirge, in welchem sich unergründlich tiefe Höhlensysteme erstreckten. Wo mein Mund war, befand sich nun eine bodenlose Schlucht, die von einem reißenden Wildbach durchzogen war. Wasserfälle stürzten tosend in den Canyon und flossen irgendwohin in den Bauch der Weltkugel ab, um anderswo wieder zu Tage zu treten. Südlich endete die Schlucht in einem unwirtlichen Gestrüpp aus dornigem, harten Strauchwerk. Auf meiner Stirn hatte sich eine von endlos langen und verwitterten tektonischen Verwerfungen durchzogenene Wüste gebildet. Im Westen wie im Osten wurde diese Ödnis von zwei labyrinthischen Karsterhebungen begrenzt. Im Norden schloss sich ein großer und undurchdringlicher Wald an die Wüste an. Dieser Wald bedeckte beinahe den ganzen Rest der Erdkugel, die einst mein Kopf war und schloss an einem wuchtigen attischen Podest, dass mit allerlei Friesen, Reliefs, Rocaillen und weiterem dekorativen Zierrat geschmückt war. Dort stand Atlas, ein Riese von titanischer Statur mit zwei mächtigen, spitzen Hörnern auf dem Kopf und trug den gesamten Erdball auf seinen breiten Schultern.

Zwischen den beiden Seen, am Rande der nördlichen Wüste lag in einer fruchtbaren, mit Palmen bewachsenen Oase eine herrliche, orientalisch anmutende Stadt. Ihre prächtigen Häuser, Türme und Kuppeln und Minarette waren für müde Reisende weithin sichtbar. Umgeben wurde die Stadt von einer hohen zinnenbewehrten Stadtmauer, in die vier imposante Tore eingelassen waren. Breite, aus schneeweißem Marmorstein gepflasterte Straßen kamen aus allen vier Himmelsrichtungen und trafen sich auf einem riesigen, quadratischen Platz im Zentrum der Stadt. Der Norden des zentralen Platzes wurde von einer endlosen Säulenreihe begrenzt. Diese bildete die Fassade eines eindrucksvollen Gebäudes, im gesamten Erdkreis bekannt als Der Tempels Des Wissens.

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„Knopf Druck“ von Dagmar Herrmann

Ich möchte bei Reimwerk zukünftig in loser Folge (in meinen Augen) herausragende Beiträge anderer Autorinnen und Autoren präsentieren. Den Anfang mache ich mit der Bremer Autorin und Malerin Dagmar Herrmann, die es in ihrer schriftstellerischen Arbeit immer wieder schafft, mich durch Wortgewalt und den virtuosen Einsatz der Möglichkeiten, welche die Sprache bietet, zu überraschen und zu begeistern:

Knopf Druck

Ganz einfach
war ihr system
es gab immer
einen knopf
mit dem man
sie ausschalten
konnte
einmal zu viel
erzeugte einen
kurzschluss
von da an war
sie nicht mehr
zu reparieren

 

Zur Autorin:

Dagmar Herrmann, Jahrgang 1946, wohnhaft in Bremen, aus einer Arbeiterfamilie im Bremer Westen stammend, ließ schon früh erzählerisches Talent erkennen. Ihre Begabung lag etliche Jahre brach, da sie sich als Büroangestellte durchs Leben schlagen musste. Seit dem Ruhestand kann sie sich der Neigung des Fabulierens (und Malens) wieder in vollem Umfang widmen. In Erzählungen und Märchen knüpft sie an an die Gefühlswelt des Kindes und der Jugendlichen, zwischen Verlust und Überschwang. Über aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Begebenheiten des alltäglichen Lebens reflektiert Dagmar Herrmann in oft melancholischen, bisweilen ironischen oder humorvollen Kurzgeschichten und Gedichten. Seit sieben Jahren veröffentlicht Dagmar Herrmann Texte, ebenfalls eigene Bilder und Illustrationen, im „Irrtu(r)m“ bei der Initiative zur sozialen Rehabilitation. Außerdem erschienen Texte, Prosa und Lyrik, in Anthologien im Dorante-Verlag/Literaturpodium, ebenso wie Gedichte in der Frankfurter Bibliothek. Seit Februar 2016 schreibt sie als Verlagsautorin für den Brokatbook-Verlag. Dort erschien auch ihr Ebook „Herr Wozu und sein Schlagwort„. In Arbeit ist derzeit ihr neues Werk, ein Zyklus, der sich mit dem Thema Warten beschäftigt. Dieser wird im Sommer / Herbst 2016 beim Ulmer Verlag edition dreiklein erscheinen.

Die Suche nach dem Vogel / Teil 3

Kapitel 3 – Das Labyrinth der Entscheidungen

Labyrinthe sind bekanntermaßen eine überaus scheußlich verworrene und unübersichtliche Angelegenheit. Einmal hineingeraten, ist es meistens nicht ganz einfach, so ohne Weiteres wieder herauszufinden. Beim Labyrinth der Entscheidungen ist das im Grunde genommen nicht anders. Allerdings verfügt es über ein ausgesprochen tückisches Detail: Wenn man vor dem Labyrinth steht, führt ein Weg nach links und der andere nach rechts. Und an den Enden beider Wege sieht man den Ausgang des Irrgartens. Man könnte also der Fehleinschätzung erliegen, dass das Labyrinth der Entscheidungen eine simple, leicht im Vorübergehen zu erledigende Angelegenheit wäre. Einfach in einen der beiden Gänge hinein spazieren, am anderen Ende wieder hinaus, möchte man meinen. Aber wie so vieles im Leben ist das ein gewaltiger Irrtum, wie wir gleich feststellen müssen.

Dessen nicht so recht eingedenk, ließ ich mich von der vermeintlichen Einfachheit des Labyrinths blenden und marschierte in den linken Gang. Ich war gerade los gelaufen, als ich mir überlegte, ob ich gleich am Ausgang, der direkt vor mir lag, eine Rast machen oder noch ein Stück weiterwandern sollte. In diesem Moment teilte sich der Gang, denn ich hatte einen Entscheidungsprozess angestoßen. Links winkte verheißungsvoll die Rast, rechts ging es zum Weiterwandern. Sollte ich nun den linken oder den rechten Gang nehmen? Im selben Augenblick verfluchte ich mich selbst für diese Überlegung, denn der Gang teilte sich erneut. Nun hatte ich schon vier Möglichkeiten. Ich musste zwischen Links, Rechts, Rast und Weiterwandern entscheiden.

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