- Reimwerk -

Die Autorenseite von Martin Gehring

Monat: August 2016

Familie Lemm reist nach Italien

Eines Morgens, Herr Lemm saß gerade im Büro und spitzte seine Bleistifte, da schoss ihm, wie aus heiterem Himmel, das Wort „Italien“ durch den Kopf. Schnell schob er das Wort beiseite und widmete sich noch intensiver dem neuen, elektrischen Bleistiftanspitzer. Doch „Italien“ wollte nicht verschwinden – es kreiselte um sein Hirn, immer an der Schädelwand entlang, wechselte unvermittelt die Richtung, zerfiel in einzelne Buchstaben und setzte sich – I, T, A, L, I, E und N – wieder zu „Italien“ zusammen.

„Italien, was für ein Unfug“, dachte Herr Lemm und wandte sich dem Posteingang zu. Er nahm das erste Schreiben, überflog es und stempelte es ab. Er wollte den Brief schon in den Postausgang legen, als er sah, dass er das Wort „Italien“ gestempelt hatte. Lemm rieb sich die Augen, kontrollierte kopfschüttelnd den Stempel und blickte noch einmal auf das Schreiben. Da stand gar nicht „Italien“, sondern das übliche „GESTEMPELT AM:“ und das aktuelle Datum. Erleichtert atmete er auf, denn er wollte schon an seinem Verstand zweifeln. Doch nun begann „Italien“ vor seinen Augen zu tanzen. Wenn Lemm die Lider schloss, sah er „Italien“ in die Netzhaut eingebrannt und einen Moment lang glaubte er, der Computer würde ihm leise „Italien“ zuraunen.

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Dabei sein ist alles

Am Kiosk lungern
Sportgymnastinnen
Wurfbereit die Keule
Schminke und Trikot
auf Gleichheit gebürstet
Betonierter Charme
selbst errichteter
Sportgaststätten
Eigenleistung bröckelt
an den Aussenbereichen
Leerstände auf Tribünen
Befohlener Applaus
Der Traum von Gold
zerbricht auf Matte
wie am Beckenrand
Ein später Platzwart
sprüht mit Lufterfrischer
den Geruch von Sieg
aus der Herrenumkleide
und die Enttäuschten
gehen ihrer Wege

Hege Fehden von Carlo Spiller

spillerImmer wieder präsentiere ich bei Reimwerk in loser Folge (in meinen Augen) herausragende und durchaus ungewöhnliche Beiträge spannender Autorinnen und Autoren. Heute möchte ich, im Rahmen dieser Serie, den jungen Schweizer Schriftsteller und Lyriker Carlo Spiller und den Text «Hege Fehden» aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Buch vorstellen:

Carlo Spiller, 1990 in Zürich geboren, studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften und Philosophie an der Universität Zürich, danach am Schweizerischen Literaturinstitut. Zahlreiche Auftritte bei Poetry Slams im deutschsprachigen Raum. 2015 erschien sein Debüt «Das Scheitern der Schmetterlinge» im Amsel Verlag Zürich. 2016 erhielt er das Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Er schreibt Prosa, Lyrik und Theatertexte.


+++ Hege Fehden +++

 

Hege insgeheime Fehden. Singe das Hohelied

Auf dem Fahrrad. Artikuliere, was als

Pfand in meine Hand kam. Zirkuliere

In meinem Mund die Silben, Jahrgangsjamben,

Enjambements erlesenster Auswahl, so gedeihen sie

Nur im Herbst. Mein Haupt umrankt

Von krausem Wein, am frühen Morgen.

Ein Ausflug, Rückkehr zur Jahreszeit, mein

Bruder wann fischen wir? Der Horizont

Umnachtet von gebüssten Nebeln, grüsse freundlich.

Dichter

Zeilen wie Zähne
spitze Fingernägel
beißend kratzend
an der Komfortzone
des Flatratedenkens
Einst doch nunmehr
Poren nur noch
schwitzige Verse
aus Befindlichkeit
und moralisierender
Weltverbesserung
Zeigefinger erhoben
Nägel geschnitten
Der Zahn gezogen

Gute Reise

Wir diskutieren
Streiten
Schweigen uns an
Trennen uns
Das Auto hat eine Panne
Ist kaputt
Wird aufgebrochen
Der Zug hat Verspätung
Fährt nicht
Ist entgleist
Die Fluglotsen streiken
Die Piloten streiken
Das Flugzeug hebt nicht ab
Stürzt ab
Wird entführt
Das Gepäck fehlt
Die Fähre kentert
Die Fähre sinkt
Schlägt leck
Wir gehen über Bord
Ertrinken
Das Hotel ist eine Ruine
Ist überbucht
Und noch nicht gebaut
Wanzen und Kakerlaken
Spinnen auch
Der Strand ist nicht da
Das Meer ist nicht da
Alle Liegestühle besetzt
Der Pool gesperrt
Wir werden von Mücken
Von einem Skorpion gestochen
Von einer Schlange gebissen
Von einem Hai gefressen
Wir verirren uns
In der Wüste
Im Wald
Im Gebirge
In der Stadt
Wir werden betrogen
Werden bestohlen
Werden ausgeraubt
Werden umgebracht
Es ist zu heiß
Es regnet es regnet
Wir erkälten uns
Wir bekommen Sonnenbrand
Wir verderben uns den Magen
Wir haben einen Unfall
Wir reisen ab
Wir werden am Zoll festgehalten
Haben Übergepäck
Haben das Ticket verloren
Haben den Pass verloren
Wir sind daheim
Wir waschen
Wir schlafen
Wir arbeiten
Nächstes Jahr
Nächste Woche
Morgen
Da fahren wir
An einen anderen Ort

Wir trauern

Wir trauern um Christiane Dammann und Erika Silesu, die am 01.08.2016 unter tragischen Umständen ums Leben gekommen sind. Beide gehörten zum Organisationsteam der Unknown Buchmesse Essen und waren Herz und Seele dieser Veranstaltung. Wir bekunden den Familien Dammann und Silesu sowie allen Angehörigen unsere aufrichtige und tief empfundene Anteilnahme und wünschen Ihnen viel Kraft und Mut in dieser schlimmen Zeit.

Was haben wir verloren,
als wir Dich verloren?

Nicht Deine Energie,
denn sie geht nicht verloren,
sondern wird eins mit der Natur.

Und auch nicht Deine Seele,
denn sie lebt in uns weiter
und macht Dich nie vergessen.

Was also haben wir verloren,
wenn wir durch Dich reicher wurden
an Energie und Seele?

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