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Die Autorenseite von Martin Gehring

Kategorie: Lyrik (Seite 2 von 5)

Ewige Liebe

In tiefer Gruft auf steinern Bette
Da liegen knochig zwei Skelette
Eins ist Frau und eins ist Mann
Einand in Liebe zugetan

Sie schieben schabend Schäd an Schädel
Lass dich küssen Knochenmädel
Und denken dabei Ach uns deucht
Hier war einst Zunge wars einst feucht

Nun rutscht sie kratzend immer tiefer
Will spüren Festes weit im Kiefer
Sie tastet suchend Alles leer
Rund um sein Schambein ist nichts mehr

Auch er fühlt nach dem bebend Runden
Nur was er wähnt bleibt ungefunden
Längst Haar und Hügel sind gewichen
Zu lange sind sie schon verblichen

Sie fleht Komm nimm Dein Wadenbein
Und stoß es tief in mich hinein
Der Knochen klappert hohl im Becken
Reibt sich in Kurven stößt an Ecken

Doch balde ist die Lust verflogen
Manch Rippe wird zurechtgebogen
Und wispernd raunt er Ach ich hätte
So gern jetzt eine Zigarette

Dann legen sie sich beide nieder
Probierns in hundert Jahren wieder
Innig verliebt sind zwei Skelette
In tiefer Gruft auf steinern Bette

Treibgut

Das Leben ein Auto
vor sich hergeschoben
mit angezogener Bremse
Warum alles oder etwas
Das Heute ist morgen
auch noch dringend
Aufschübe wegdelegiert
Geschlossene Augen
garantieren Unsichtbarkeit
Suche nach dem Notausgang
als Freizeitausgleich
Rennen ohne Ankommen
Der Fluchtweg ist das Ziel
Das Ziel ist ein Berg
der unbezwungen bleibt

Dabei sein ist alles

Am Kiosk lungern
Sportgymnastinnen
Wurfbereit die Keule
Schminke und Trikot
auf Gleichheit gebürstet
Betonierter Charme
selbst errichteter
Sportgaststätten
Eigenleistung bröckelt
an den Aussenbereichen
Leerstände auf Tribünen
Befohlener Applaus
Der Traum von Gold
zerbricht auf Matte
wie am Beckenrand
Ein später Platzwart
sprüht mit Lufterfrischer
den Geruch von Sieg
aus der Herrenumkleide
und die Enttäuschten
gehen ihrer Wege

Hege Fehden von Carlo Spiller

spillerImmer wieder präsentiere ich bei Reimwerk in loser Folge (in meinen Augen) herausragende und durchaus ungewöhnliche Beiträge spannender Autorinnen und Autoren. Heute möchte ich, im Rahmen dieser Serie, den jungen Schweizer Schriftsteller und Lyriker Carlo Spiller und den Text «Hege Fehden» aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Buch vorstellen:

Carlo Spiller, 1990 in Zürich geboren, studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften und Philosophie an der Universität Zürich, danach am Schweizerischen Literaturinstitut. Zahlreiche Auftritte bei Poetry Slams im deutschsprachigen Raum. 2015 erschien sein Debüt «Das Scheitern der Schmetterlinge» im Amsel Verlag Zürich. 2016 erhielt er das Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Er schreibt Prosa, Lyrik und Theatertexte.


+++ Hege Fehden +++

 

Hege insgeheime Fehden. Singe das Hohelied

Auf dem Fahrrad. Artikuliere, was als

Pfand in meine Hand kam. Zirkuliere

In meinem Mund die Silben, Jahrgangsjamben,

Enjambements erlesenster Auswahl, so gedeihen sie

Nur im Herbst. Mein Haupt umrankt

Von krausem Wein, am frühen Morgen.

Ein Ausflug, Rückkehr zur Jahreszeit, mein

Bruder wann fischen wir? Der Horizont

Umnachtet von gebüssten Nebeln, grüsse freundlich.

Dichter

Zeilen wie Zähne
spitze Fingernägel
beißend kratzend
an der Komfortzone
des Flatratedenkens
Einst doch nunmehr
Poren nur noch
schwitzige Verse
aus Befindlichkeit
und moralisierender
Weltverbesserung
Zeigefinger erhoben
Nägel geschnitten
Der Zahn gezogen

Gute Reise

Wir diskutieren
Streiten
Schweigen uns an
Trennen uns
Das Auto hat eine Panne
Ist kaputt
Wird aufgebrochen
Der Zug hat Verspätung
Fährt nicht
Ist entgleist
Die Fluglotsen streiken
Die Piloten streiken
Das Flugzeug hebt nicht ab
Stürzt ab
Wird entführt
Das Gepäck fehlt
Die Fähre kentert
Die Fähre sinkt
Schlägt leck
Wir gehen über Bord
Ertrinken
Das Hotel ist eine Ruine
Ist überbucht
Und noch nicht gebaut
Wanzen und Kakerlaken
Spinnen auch
Der Strand ist nicht da
Das Meer ist nicht da
Alle Liegestühle besetzt
Der Pool gesperrt
Wir werden von Mücken
Von einem Skorpion gestochen
Von einer Schlange gebissen
Von einem Hai gefressen
Wir verirren uns
In der Wüste
Im Wald
Im Gebirge
In der Stadt
Wir werden betrogen
Werden bestohlen
Werden ausgeraubt
Werden umgebracht
Es ist zu heiß
Es regnet es regnet
Wir erkälten uns
Wir bekommen Sonnenbrand
Wir verderben uns den Magen
Wir haben einen Unfall
Wir reisen ab
Wir werden am Zoll festgehalten
Haben Übergepäck
Haben das Ticket verloren
Haben den Pass verloren
Wir sind daheim
Wir waschen
Wir schlafen
Wir arbeiten
Nächstes Jahr
Nächste Woche
Morgen
Da fahren wir
An einen anderen Ort

Sonne Dushi Sonne

Hirn entspannend leer
Mädchen in Sommerfetzchen
Lachen in der Mittagssonne
Eis das über Finger tropft
Kleidung verlottert
Oder kaum noch
Der Strand die Terrasse
Milder Westwind vom Atlantik
Rumhängen träge dösen
Was Anderes Klebriges
Gemächliches Dushi
Kühles Glas Eiswürfel
Gerollt an heißer Stirn
Das Denken auf Standby
Und süßes Leben
Ach herrlich poco poco

Rotes Kleid

kleid neuAm Balkon gegenüber
Rotes Kleid
Zu Sonnenaufgang
Im Dunkel dahinter
Die Revolution
Schläft schnarchend
Ihren Rausch aus

 

 

Denkmal

Reiter voll Würde
Blick geradeaus
Horizontwärts
Bronzestandbild
Der Sockel Marmor
Touristen knipsen
Mit Ah mit Oh
Und Selfies
Alles Illusion
Das Denkmal
In Wirklichkeit
Pokéstop

Sommer

Vollbärtige Hipsterfresse
Grinst Altersvorsorge
Aus der Plakatwand
Springen von Schatten
durch Schatten in Schatten
Züge auf dem Schachbrett
Das Flimmern der Luft
Ist ein schlechter Vergleich
Träge an der Ecke lehnen
Auf rein gar nichts warten
Oder bis die Sonne dann
Doch ein Stück weiter rückt
Sonst kaum noch Bewegung
Ein überreifer Pfirsich
Finger klebrig vom Saft
Süß und die Wärme rundum
Das ist wie du weißt schon

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