kulturgespenstDieser Beitrag, lieber Leser, möchte sich im Rahmen einer kleinen Geisterkunde einem besonders bedauernswerten Wesen der Schattenwelt widmen: Dem Kulturgespenst. Vorab ist jedoch anzumerken, dass schon seit vielen Jahren unter den Parapsychologen ein erbitterter Streit schwelt, ob es sich beim Kulturgespenst um ein Gespenst im eigentlichen Sinne handelt. Während die eine Seite auf der Meinung beharrt, das Kulturgespenst sei dem Kreis der überwiegend lebenden Wesenheiten zuzuordnen, räumt die andere Fraktion immerhin ein, man hätte es mit einer nur „mehr oder weniger“ toten Geistererscheinung zu tun. So absurd es klingen mag, aber der wissenschaftlich ungeklärte Seinsstatus des Kulturgespenstes wird dieser Kreatur nur gerecht. Zusammenfassend ist zu sagen: Alles, was das Kulturgespenst betrifft, ist in der einen oder anderen Form kompliziert.

Das Kulturgespenst manifestiert sich meist in weiblicher Gestalt, ist über die Maßen schlank – man könnte es beinahe schon als ausgemergelt und verhärmt bezeichnen, mehr oder minder durchsichtig und meistens in Kleidung in Erdtönen gehüllt. Lediglich ein farbenfroher Schal ist als Kontrast gestattet. Meist trifft man das Kulturgespenst in Galerien oder auf Vernissagen an, wo es hohlwangig und vollkommen durchgeistigt in unerträglicher Langsamkeit von Gemälde zu Gemälde wandelt oder auch levitiert und dabei Dinge wie „Dieses Bild hat so eine stille Intensität.“ oder „Jene Zeichnung ist von schreiender Transzendenz.“ vor sich hinmurmelt. Auch auf Konzerten, ganz gleich, ob klassisch oder modern, ist das Kulturgespenst häufig zu finden. Dabei kauert es wie paralysiert an seinem Platz, die Augen geschlossen, den Kopf leicht schräg und gibt sich dem Musikgenuss hin. Eine weitere Erscheinungsform des Kulturgespenstes kann man in öffentlichen Verkehrsmitteln antreffen. Dort sitzt es dann in seiner Bank, hält beispielsweise Adornos „Ästhetische Theorie“ in Händen und sinniert mit leerem Blick vor sich hin oder macht sich Notizen.

Der Wissenschaftsstreit um das Kulturgespenst findet seinen Ursprung in der Tatsache, dass man mit ihm, im Gegensatz zu den meisten anderen Wesen der Schattenwelt, auf die eine oder andere Weise durchaus auch sozial interagieren kann. Davon ist jedoch dringend abzuraten, es sei denn, man ist mit unerschöpflicher Geduld ausgestattet. Das zeigt sich im Besonderen, wenn man ein Kulturgespenst zum Essen ausführt. Während man sich selbst nach einem flüchtigem Blick in die Menükarte für die Nummer 15 und ein Bier entschieden hat, blättert das Gegenüber endlos lange in der Speisekarte, erwägt und verwirft, kombiniert und schließt aus und wählt nach einem schier unendlichen und komplexen Auswahlverfahren einen kleinen gemischten Salat ohne Dressing und ein stilles Wasser. Auch die Mahlzeit selbst wird zur nervenaufreibenden Geduldsprobe. Längst hat man sein XXLSchnitzel mit großer Beilagenplatte verputzt und mehr Bier nachbestellt, da stochert und pickt das Kulturgespenst noch in seinem Salat, sortiert Tomate zu Tomate, stapelt Radieschenscheiben, arrangiert um, lässt ihn am Ende ungegessen stehen und betreibt Konversation.

Einem Kulturgespenst das Leben zu erleichtern, ist ein schlichtweg unmögliches Unterfangen, da sich dieses erbarmungswürdige Spukwesen auf Schritt und Tritt selbst Steine in den Weg legt und sein Dasein unnötig schwer macht. Jede Hilfestellung wird endlos überdacht und in all ihren Facetten ausdiskutiert, Alternativen werden gesucht und nicht gefunden: Am Ende verbleibt alles im Ausgangszustand und das Kulturgespenst schwebt zur nächsten Ausstellungseröffnung, Jazzmatinee oder schaltet auf ARTE um. So bleibt dem Geisterkundigen nur, das Kulturgespenst so hinzunehmen wie es ist, nämlich kompliziert.

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Notizen-WebtErschienen ist der Aufsatz Das Kulturgespenst in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
(Bestellen)

Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm

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