Ein Einschub des Autors

An diesem Punkt der Geschichte hält der Autor inne. Er legt die Feder beiseite, schraubt das Tintenfass zu und sortiert das bislang Geschriebene, um sich einen kritischen wie auch skeptischen Rückblick auf den bisherigen Fortgang der Erlebnisse seines Hauptdarstellers zu gönnen. Und nach gründlichem Studium des bislang Geschehenen muss er am Ende bedauerlicher Weise eingestehen, dass er sich in eine nahezu ausweglose Sackgasse geschrieben hat. Da es nun gilt, die Ursache für diese bedauerliche Situation zu finden und sie aufzulösen, öffnet der Autor hier eine Klammer, um seine Gedanken und Erkenntnisse einzuschieben. Die Probleme, so findet er heraus, beginnen offenbar während der Odyssee seines Helden durch das Labyrinth der Entscheidungen.

Um einen Ausweg aus dem Irrgarten zu finden, erinnert er sich der Flasche Schnaps, die er seinem Protagonisten zu Beginn seiner Reise in den Rucksack gepackt hat. Der Zustand der Volltrunkenheit, so erscheint es ihm, ist die Patentlösung, um das Kapitel, in dem ein Weg durch das Labyrinth der Entscheidungen gefunden werden soll, sauber und durchaus schlüssig zu einem Ende zu bringen. Da der weitere Verlauf der Geschehnisse jedoch anders geplant war, als er sich nun auf dem Papier wiederfindet, ist die unbedachte Idee mit der Flasche Schnaps im Rückblick ein verhängnisvoller Fehler, an dessen Ende der Autor seinen Protagonisten sternhagelvoll und schlafend auf einer kleinen Wiese am Rande eines Baches platziert. Doch was stellt man nun mit einem verkaterten Protagonisten an, der eigentlich an diesem Punkt der Geschichte ganz andere Dinge erleben sollte.

Er ist weiter denn je von seinem Ziel entfernt, einen ominösen Vogel zu finden, der sich in seinem Oberstübchen eingenistet haben soll. Stattdessen hängt der arme, unversehens in eine Geschichte mit ungewissem Ausgang geworfene Held in erbärmlichem körperlichen Zustande in einer Warteschleife, aus welcher der Autor nun verzweifelt einen Ausweg sucht. Um Zeit zu gewinnen, schiebt er kurzerhand ein Kapitel ein, welches in epischer Breite den alkoholgeschwängerten Traum des Hauptdarstellers schildert und endlich darin mündet, dass dessen Traumerlebnis nach und nach einem realen Zustand schwerster Nachwirkungen übermäßigen Alkoholgenusses weicht. Doch wie der Autor es drehen und wenden mag: Er hat ein ernstes Problem mit dem derangierten Zustand seines literarischen Alter Ego, für das nun dringlich eine Lösung her muss.

Doch mit jedem Ansatz, den der Autor erwägt, rückt die Geschichte und ihr glückliches Ende in immer weitere und nebulösere Ferne, einmal ganz zu schweigen von dem Umstand, dass ihre Plausibilität, ihr Schwung oder beides gleichzeitig verloren ginge, würde er auf die eine oder andere Weise weitererzählen. Nun könnte er die Geschichte einfach hier abbrechen und sein Scheitern eingestehen, aber damit würde der Autor seine treuen Leser und am Ende auch sich selbst aufs Schlimmste enttäuschen. Das will und kann er jedoch nicht. Die Erzählung muss unbedingt ihre Fortsetzung finden, hat sie doch gegenüber den ersten Entwürfen schon längst solch ein Eigenleben entwickelt, dass er selbst darauf gespannt ist, wie sie wohl weiter- und ausgehen würde.

Als der Autor diesen wagemutigen Entschluss von historischer Tragweite fasst, ist ihm wesentlich wohler zumute, wenngleich er sich immer noch nicht so ganz über den weiteren Fortgang der Handlung im Klaren ist. Immerhin finden sich, irgendwo zwischen Hirn und Hand, ein paar interessante und ungewöhnliche Ansätze, die es weiter zu verfolgen gilt. Schon ist im Geiste die kleine Zeichnung eines bedeutsamen Wesens angefertigt, dass im nun folgenden Kapitel eine Hauptrolle spielen mag. Damit schließt er, an einem hoffnungsvoll erscheinenden Punkt angelangt, zuversichtlich die Klammer und macht sich mit neuer Energie daran, die Geschichte wieder in ihr Gleisbett zurück zu führen.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
(Bestellen)

Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm

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