Kapitel 1 – Die gute Stube

Neulich sagte jemand zu mir: “Du hast ja einen Vogel” und tippte sich dabei an die Stirn. Das war seltsam, denn zuerst wusste ich nicht so recht, was mein Gegenüber damit eigentlich meinte. Schließlich hatte ich keinen Flattermann, ob Wellensittich oder Kanarienvogel, daheim in meiner Stube. Nur zwei Katzen. Und die sollte man, wie ein Jeder weiß, nicht zusammen mit Vögeln halten, denn das würde unter Umständen ein überaus böses und blutiges Ende nehmen. Doch bald schon ahnte ich was seine Geste bedeutete: Mit dem Tippen an seine Stirn meinte mein Gesprächspartner sicherlich, ich hätte einen Vogel, der sich in meinem Oberstübchen niedergelassen hatte. Und da ich mir nicht so ganz sicher war, ob er mit seiner Behauptung vielleicht nicht doch recht haben könnte, beschloss ich, den heiligen Hallen zwischen meinen beiden Ohren wieder einmal einen ausgedehnten Besuch abzustatten, um nachzusehen, ob dort nicht tatsächlich ein gefiederter Freund Logis genommen hatte.

Nun muss man sich mein Oberstübchen folgendermaßen vorstellen: Man betritt durch die Eingangstüre zuerst die so genannte Gute Stube, einen heimelig möblierten Raum, in dem ein prasselndes Kaminfeuer für angenehme Temperaturen sorgt. Neben dem Eingang hängt an einem Kleiderhaken ein gemütlicher brokatener und kunstvoll bestickter Morgenmantel mit tiefen Manteltaschen. Davor steht ein Paar karierter Pantoffeln auf einem Fußabtreter.  An den Wänden der Guten Stube hängen allerlei historische Ölgemälde, schön gestochene oder radierte Grafiken, prachtvolle Gobelins, kapitale Jagdtrophäen, Sieger- und Ehrenurkunden und eine Vielzahl von Erinnerungsfotos. Über tiefe, langflorige Teppiche schreitet man lautlos, den Cognakschwenker in der Hand, zu einem gediegen gezimmerten Schreibpult, zum Sorgenstuhl, einem mit dunkelgrünen Leder bezogenen Ohrensessel mit hoher Lehne oder zu einer zierlichen Vitrine, in der sich neben Kuriositäten und Absonderlichkeiten aus aller Herren Länder allerlei Pokale, ein wildes Sammelsurium verschiedener kristallener Trinkgläser sowie eine erlesene Auswahl geistiger Getränke befinden. Ein verborgen in das Möbel eingebaute Geheimfach beherbergt einen Humidor, wohl gefüllt mit aromatischen und exzellenten Zigarren kubanischer Provinienz.

Gegenüber befindet sich ein hohes, monumental anzusehendes Bücherregal mit historischen, in Kalbsleder gebundenen Folianten, einer großen Leselupe, denn bei mir zeigen sich erste Anzeichen einer altersbedingten Weitsichtigkeit und einer Abteilung mit Herrenliteratur (was auch immer man darunter verstehen mag). Vielarmige Kerzenhalter nebst Leuchtmitteln sorgen für eine ausreichende und nicht zu aufdringliche Ausleuchtung des Raumes. Das wichtigste Element der Guten Stube ist jedoch Die Türe. Sie befindet sich gegenüber der Eingangspforte zum Oberstübchen, ist aus schwerem, nachgedunkelten Eichenholz und mit soliden, geschwungenen und reich ziselierten Eisenbändern beschlagen. Ein großer Schlüssel mit kompliziert gearbeitetem Bart lässt einen hoch komplexen Schließmechanismus aus Meisterhand erahnen. An Der Türe befindet sich eine Warntafel mit der Aufschrift:

B E T R E T E N  A U F  E I G E N E  G E F A H R !

 Diese geheimnisvolle Türe war mein Ziel. Ich durchquerte die Gute Stube, ohne mich lange aufzuhalten, nahm den Schlüssel Der Türe vom Haken, steckte ihn ins Schlüsselloch, drehte ihn sanft und löste damit den komplizierten Öffnungsmechanismus aus. Sofort ertönte aus dem Inneren des schweren Schlosses ein Klicken und Ticken, das Ablaufen mehrerer Federn, gut geölter Zahnräder, die satt klackend ineinander griffen, Gegengewichte, Fliehkraftregler und Unruhen, die ausgelöst wurden, sowie ein deutlich vernehmbares Zischen wie von einer Zündlunte. All diese geheimnisvollen Vorgänge in den Eingeweiden des Schloss mündeten schließlich darin, dass eine Reihe von Riegeln nacheinander zurückgeschoben wurde und Die Türe endlich aufsprang.

Ich zog den Schlüssel ab und hängte ihn wieder an seinen Haken an der Wand. Dann nahm ich das F-Fi des vielbändigen Konversationslexikons aus dem Bücherregal und legte es als Türstopper zwischen Die Türe und ihren Rahmen. Damit sicherte ich mich ab, dass Die Türe nicht vom Luftzug zufiel und ich wieder aus dem weit verzweigten und insgesamt unübersichtlich angeordneten Labyrinth meines Oberstübchens entkommen konnte. Schließlich packte ich einige nützliche und lebenswichtige Utensilien wie Kerzen, ein Stück Seil, Zigarren, Abknipser und Streichhölzer, eine Flasche, gefüllt mit Schnaps und andere Dinge in meinen Rucksack, schulterte ihn und machte mich auf die vermutlich lange und beschwerliche Suche nach dem Vogel.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte “Die Suche nach dem Vogel” in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
(Bestellen)

Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm