Kapitel 2 – Der Große Attraktor

AttraktorIch ging durch Die Türe, nicht ohne mich noch einmal gründlich zu vergewissern, dass sie nicht doch versehentlich zufallen könnte und blickte in den Gang, der sich vor meinen Augen erstreckte. Anfangs verlief er schnurgerade und war zudem vollkommen schmucklos. An seiner Decke zog sich ein einzelnes Kabel entlang, das in regelmäßigen Abständen von Lampen unterbrochen wurde. Ich knipste den Lichtschalter an und sofort wurde der Gang von einem fahlen, leicht dämmrigen Licht ausgeleuchtet. Ich holte tief Luft, als müsste ich einen langen Tauchgang ohne Atemgerät absolvieren und marschierte entschlossen los. Nach einem kurzen Stück Weges erreichte ich auf der linken Seite des Ganges die Türe zum Raum, der den Großen Attraktor beherbergte. Ich beschloss, dort noch schnell nach dem Rechten zu sehen und trat in die Kammer ein. Neben dem Eingang stand eine hölzerne Werkbank mit verschiedenstem Werkzeug und einem Ölkännchen darauf. In der Mitte des Raumes stand der Große Attraktor selbst. Genau genommen war der Große Attraktor nicht einmal besonders groß oder gar beeindruckend. Es handelte sich viel mehr um eine schmucklose, quaderförmige Konsole von der Größe eines Schreibtisches.

Aus verschiedenen Öffnungen, die in die Wände des Raumes eingelassen waren, quollen armdicke Kabelstränge und schlängelten sich über den Boden, um sich im Großen Attraktor zu vereinigen. Jeder dieser mächtigen Kabelstränge nahm seinen Ausgang an einem der Sinnesorgane. Die vom jeweiligen Sinnesorgan eingehenden Informationen liefen in der Konsole zusammen, um dort weiter verarbeitet zu werden. An der Frontseite des Großen Attraktors befand sich lediglich ein kleiner Einfüllstutzen und darunter ein rundes Bullauge, dass den Ölstand anzeigte. Irgendwelche Schalter, Armaturen, Regler, Hebel, Knöpfe, Kurbeln, Potentio-, Baro-, Mano-, Thermo-, Volt- oder Sonstwasmeter waren nicht zu sehen, denn der Große Attraktor  verrichtete seine Arbeit vollkommen selbständig und bis auf ein kaum wahrnehmbares, durch leichte Vibrationen erzeugtes, sonores Brummen nahezu geräuschlos.

Aus einer Öffnung an der Rückseite der Maschine zog sich einen weiterer, diesmal nicht so dicker Kabelstrang, der an die Rückwand des Raumes und damit zu einer weiteren Vorrichtung namens Distributor führte. Der Distributor war ein verwegen angeordnetes Gewirr aus Röhren und Schläuchen, das, keinen bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgend, an die Wand angeflanscht war. Die überarbeiteten Informationen aus dem Großen Attraktor wurden zum Distributor geleitet, dort gesichtet, grob sortiert, nach Wichtigkeit geordnet, erneut sortiert, durch verschiedene Ablagen gelotst, verworfen, zur Wiedervorlage gekennzeichnet, ein weiteres Mal sortiert und schließlich durch die Röhren in verschiedene rätselhafte und verwinkelte Regionen meines Oberstübchens verschickt, um dort auf undurchsichtige und kaum nachvollziehbare Art und Weise irgendwelche mehr oder minder sinnvolle Reaktionen auszulösen.

Ich nahm also das Ölkännchen von der Werkbank, schraubte den Einfüllstutzen des Großen Attraktors auf und goss etwas Öl nach. Dann trug ich das heutige Datum in den Wartungsplan ein, der auf dem Großen Attraktor lag und kontrollierte danach noch schnell den Distributor, wiewohl ich keine Ahnung hatte, was es da zu kontrollieren gäbe. Also rüttelte ich, als würde ich das Prinzip des Gerätes durchschauen, an dem einen oder anderen Schlauch und brummte, Wissen vorgebend, zustimmend vor mich hin. Als ich mit dem Ergebnis meiner oberflächlichen, wie auch verständnislosen Sichtprüfung zufrieden war, verließ ich schließlich den Raum durch die Türe, zu der ich hineingekommen war.

Anschließend folgte ich weiter dem Gang in die Tiefen meines Oberstübchens und erreichte endlich eine Stelle, an der er sich teilte. Ich war am Eingang des Labyrinths der Entscheidungen angelangt. An dieser Stelle endete auch der bekannte Bereich meines Oberstübchens. Ich war zwar schon oft über das Labyrinth der Entscheidungen hinaus gewandert, doch da sich der Irrgang mit jeder getroffenen Entscheidung neu konfigurierte, war alles, was darin und zumeist auch jenseits davon lag, bei jedem Betreten ein vollkommen unbekanntes Terrain, angefüllt mit immer neuen Überraschungen, Wendungen und Windungen.

Um die Funktionsweise des Labyrinths der Entscheidungen in seiner Gänze mehr oder weniger zu begreifen, bedarf es einiger (recht stark vereinfachter) Erklärungen. Wenn ich zum Beispiel am Samstag morgen auf den Markt zum Einkaufen  gehe, esse ich bei der Wurstbraterei sehr gerne eine Bratwurst zum zweiten Frühstück. Ich stehe also vor dem Wagen und betrachte die Speisekarte. Alles, was ich auf der Karte lese, wird zum Großen Attraktor geleitet. Die aufbereiteten und sortierten Informationen aus dem Großen Attraktor werden danach durch den Distributor unverzüglich zum Labyrinth der Entscheidungen geschleust. Die erste Entscheidungsmöglichkeit lautet nun: Wähle ich Rot oder Weiß? In diesem Moment teilt sich der Gang. Auf einem hypothetischen Wegweiser führt der eine Gang nach Rot und der andere nach Weiß. Nehmen wir an, ich entscheide mich für Rot. Die Informationen, die mich an ihrem Ziel dazu bringen werden, eine Bratwurst zu kaufen, entscheiden sich nun für den roten Weg. Die nächste Entscheidung lautet: Will ich Senf oder Ketchup auf meine Bratwurst? Wieder teilt sich der Gang und die Informationen wandern am Ende dieses Stadiums der Entscheidungsfindung zum Beispiel in die Senfstraße. Am Ende führt die Rekonfiguration des Labyrinths der Entscheidungen dazu, dass die aufgenommenen Informationen darin münden, dass ich mir eine rote Bratwurst mit Senf kaufe. In Wahrheit fallen beim Wurstkauf natürlich in hoher Frequenz sehr viel mehr Entscheidungen als die eben Geschilderten, denn es werden gleichzeitig diverse Sinne angeregt, Möglichkeiten abgewägt und Lösungsansätze in die Wege geleitet. Da ich diesmal jedoch nichts zu entscheiden hatte, sondern lediglich auf der Suche nach einem ominösen Vogel war, der möglicherweise irgendwo in meinem Oberstübchen nistete, begab ich mich frohgemut und unerschrocken in das Labyrinth der Entscheidungen.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
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Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm