Kapitel 3 – Das Labyrinth der Entscheidungen

Labyrinthe sind bekanntermaßen eine überaus scheußlich verworrene und unübersichtliche Angelegenheit. Einmal hineingeraten, ist es meistens nicht ganz einfach, so ohne Weiteres wieder herauszufinden. Beim Labyrinth der Entscheidungen ist das im Grunde genommen nicht anders. Allerdings verfügt es über ein ausgesprochen tückisches Detail: Wenn man vor dem Labyrinth steht, führt ein Weg nach links und der andere nach rechts. Und an den Enden beider Wege sieht man den Ausgang des Irrgartens. Man könnte also der Fehleinschätzung erliegen, dass das Labyrinth der Entscheidungen eine simple, leicht im Vorübergehen zu erledigende Angelegenheit wäre. Einfach in einen der beiden Gänge hinein spazieren, am anderen Ende wieder hinaus, möchte man meinen. Aber wie so vieles im Leben ist das ein gewaltiger Irrtum, wie wir gleich feststellen müssen.

Dessen nicht so recht eingedenk, ließ ich mich von der vermeintlichen Einfachheit des Labyrinths blenden und marschierte in den linken Gang. Ich war gerade los gelaufen, als ich mir überlegte, ob ich gleich am Ausgang, der direkt vor mir lag, eine Rast machen oder noch ein Stück weiterwandern sollte. In diesem Moment teilte sich der Gang, denn ich hatte einen Entscheidungsprozess angestoßen. Links winkte verheißungsvoll die Rast, rechts ging es zum Weiterwandern. Sollte ich nun den linken oder den rechten Gang nehmen? Im selben Augenblick verfluchte ich mich selbst für diese Überlegung, denn der Gang teilte sich erneut. Nun hatte ich schon vier Möglichkeiten. Ich musste zwischen Links, Rechts, Rast und Weiterwandern entscheiden.

Rasch eilte ich in einen der Gänge und dachte dabei kurz darüber nach, ob ich jetzt den richtigen Weg genommen hatte. Sofort teilte sich der Gang und ich stand vor den Möglichkeiten Richtig und Falsch. Wiederum stürzte ich mich tapfer in einen der beiden Gänge, in der Hoffnung möglichst schnell zum Ausgang des Labyrinths der Entscheidungen zu gelangen. Hoffentlich würde mich der Gang auch wirklich ohne weitere Widrigkeiten zu meinem Ziel bringen.

Ich bereute meine Frage auf der Stelle, denn jeder Weg war letzten Endes der Richtige und führte zum Ausgang, doch ich hatte eine Frage gestellt, die das Labyrinth augenblicklich dazu veranlasste, eine neue Gabelung einzuführen. Ich hatte die Wahl zwischen Ausgang und Kein Ausgang. So sehr ich mich auch bemühte, nicht über meine Möglichkeiten nachzudenken, desto größer und komplexer wurde das Labyrinth. Ständig taten sich neue Gänge auf. Das Schlimmste dabei war jedoch, dass sich nun nicht mehr nur Gabelungen für bewusste Gedankengänge bildeten, sondern das auch unbewusst herbeigeführte Entscheidungsprozesse zu weiteren Verästelungen des Labyrinths führten.

Schließlich fand ich mich an einem Ort wieder, an dem sich der Gang endlos oft verzweigt hatte, teils mit Entscheidungen wie Essen oder Trinken und teils mit solch elementaren Fragen wie Einatmen und Ausatmen. Und am Ende aller Gänge war, zum Greifen nahe, der Ausgang zu sehen. Je stärker ich versuchte, nicht weiter nachzudenken, desto mehr Gedanken schossen mir durch den Kopf, die in ihrer Folge die Streckenführung durch das Labyrinth der Entscheidungen weiter und weiter verkomplizierten. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig als einzusehen, das ich mich zum Gefangenen meiner Entscheidungen gemacht hatte. Ich sah das Ziel vor Augen und dennoch war es unerreichbar weit entfernt. Verzweifelt ließ ich mich nieder und begann, in meinem Rucksack kramen, in der vagen Hoffnung, darin ein Werkzeug zur Rettung aus meiner misslichen und überaus vertrackten Situation zu finden.

Während sich um mich herum immer weitere Gänge bildeten, fand ich die Schnapsflasche in meinem Reisegepäck. Ich sah sie an und beschloss sogleich, mich gründlich zu betrinken. Was ich bei klarem Verstand nicht schaffte, könnte ja in sinnlos betrunkenem Zustand möglich sein. Ich öffnete also die Schnapsflasche, nahm einen kräftigen Schluck und sah den Gängen des Labyrinths der Entscheidungen dabei zu, wie sie sich fröhlich und unverdrossen teilten. Nach einigen weiteren Schlucken aus der Flasche bemerkte ich, schon leicht benebelt, dass sich umgekehrt proportional zum fortschreitendem Zustand meiner Trunkenheit immer weniger neue Pfade bildeten.

Dies war für mich ein Ansporn genug, munter weiter zu trinken. In gleichem Masse, wie die Flasche nach und nach leerer wurde und ich im Zuge dieser Übung von einem leicht betrunkenen zu einem sturzbetrunkenen Aggregatszustand wechselte, verlangsamte das Labyrinth der Entscheidungen seine verhängnisvolle Tätigkeit und stellte sie schließlich ganz ein. Als ich mich betrunken genug fühlte, beschloss ich spontan, mich aufzurichten, was mir beim zweiten oder dritten Versuch auch gelang. Ich setzte die Schnapsflasche ein letztes mal an die Lippen und trank den Rest des Alkohols in einem Zug aus. Dann warf ich die Flasche fort und torkelte singend und lallend in einen der unendlich vielen Gänge des Labyrinths. An das, was danach geschah, erinnere ich mich nur noch sehr bruchstückhaft. Ich weiß aber, dass ich die Schwelle des Ausgangstores des Labyrinths der Entscheidungen übersah, darüber stolperte und der Länge nach am Ufer eines fröhlich plätschernden Bächleins in den weichen Rasen fiel. Dann schlief ich ein.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
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Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm

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