Kapitel 4 – Ein Traum

Während ich schlief, hatte ich einen seltsamen Traum. Mir träumte, mein Kopf wäre eine Weltkugel. Anstelle meiner Augen hatte ich zwei große, klare Seen, gefüllt mit kaltem, blauem Wasser. Meine Nase war ein hohes und zerklüftetes Gebirge, in welchem sich unergründlich tiefe Höhlensysteme erstreckten. Wo mein Mund war, befand sich nun eine bodenlose Schlucht, die von einem reißenden Wildbach durchzogen war. Wasserfälle stürzten tosend in den Canyon und flossen irgendwohin in den Bauch der Weltkugel ab, um anderswo wieder zu Tage zu treten. Südlich endete die Schlucht in einem unwirtlichen Gestrüpp aus dornigem, harten Strauchwerk. Auf meiner Stirn hatte sich eine von endlos langen und verwitterten tektonischen Verwerfungen durchzogenene Wüste gebildet. Im Westen wie im Osten wurde diese Ödnis von zwei labyrinthischen Karsterhebungen begrenzt. Im Norden schloss sich ein großer und undurchdringlicher Wald an die Wüste an. Dieser Wald bedeckte beinahe den ganzen Rest der Erdkugel, die einst mein Kopf war und schloss an einem wuchtigen attischen Podest, dass mit allerlei Friesen, Reliefs, Rocaillen und weiterem dekorativen Zierrat geschmückt war. Dort stand Atlas, ein Riese von titanischer Statur mit zwei mächtigen, spitzen Hörnern auf dem Kopf und trug den gesamten Erdball auf seinen breiten Schultern.

Zwischen den beiden Seen, am Rande der nördlichen Wüste lag in einer fruchtbaren, mit Palmen bewachsenen Oase eine herrliche, orientalisch anmutende Stadt. Ihre prächtigen Häuser, Türme und Kuppeln und Minarette waren für müde Reisende weithin sichtbar. Umgeben wurde die Stadt von einer hohen zinnenbewehrten Stadtmauer, in die vier imposante Tore eingelassen waren. Breite, aus schneeweißem Marmorstein gepflasterte Straßen kamen aus allen vier Himmelsrichtungen und trafen sich auf einem riesigen, quadratischen Platz im Zentrum der Stadt. Der Norden des zentralen Platzes wurde von einer endlosen Säulenreihe begrenzt. Diese bildete die Fassade eines eindrucksvollen Gebäudes, im gesamten Erdkreis bekannt als Der Tempels Des Wissens.

Im Tempel Des Wissens lehrten und lernten die klügsten und gelehrigsten Köpfe des ganzen Erdkreises und trachteten unablässig danach, ihr ohnehin schon gewaltiges Wissen noch weiter zu vermehren. Dazu verfügten sie über die größte Bibliothek, die je im Universum angesammelt wurde und täglich kamen neue Bücher, Codizes, Schriftrollen, Tontäfelchen und Folianten hinzu. Zum Teil wurden diese Elaborate des Wissens von den Gelehrten im Tempel selbst verfasst, zum Teil wurden sie von einem unablässigen Strom von Karawanen neben anderen Gütern und weltlichen Reichtümern in die Stadt transportiert. Doch all das Wissen und die ganze Gelehrtheit, über welche die Weisen dieser Stadt verfügten, war ihnen noch lange nicht genug.

Nun hatte vor geraumer Zeit ein aufsässiger Adept, der wegen einiger ketzerischer Bemerkungen über das allgemeine Wesen des Wissens zum Fegen der Bibliothek und Abstauben der Schriften verurteilt war, beim Aufräumen und Sortieren einen unscheinbaren Pappkarton aus einem Regal im abgelegensten Winkel der Bibliothek geworfen. Der Karton sprang dabei auf und aus ihm ergoss sich eine wahre Flut von eng beschriebenen Zettelchen und Papierschnipseln. Sogleich kam ein Bibliothekar von der besonders pedantischen und bürokratischen Sorte schimpfend herbeigeeilt, um den Adepten für seine Unachtsamkeit zu bestrafen. Als er jedoch den Karton und seinen über den Boden der Bibliothek verstreuten Inhalt sah, stockte ihm der Atem. Auf der Stelle schickte er nach dem Direktor des Tempels Des Wissens, denn was dort vor ihm im Kehricht lag, war nichts weniger als die Keimzelle der Bibliothek, nämlich die seit Urzeiten verschollene und längst verloren geglaubte Loseblattsammlung des edlen Gründervaters des Tempels Des Wissens.

Nur wenige Minuten später trafen der Direktor und fast das gesamte Lehrerkollegium ein, um den sagenhaften Fund zu begutachten. Ehrfurchtsvoll bückte sich der Leiter der Lehranstalt über die verstreuten und im Laufe der Jahrhunderte brüchig gewordenen Zettel, hob vorsichtig einen von ihnen auf, drehte sich zum Kollegium und allen anderen Gelehrten, die mittlerweile in der Bibliothek versammelt waren, denn die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer auf dem gesamten Campus verbreitet, rückte umständlich seine Brille zurecht, räusperte sich und las mit feierlicher und schicksalsschwerer Stimme:

„ALLES WISSEN KOMMT AUS DER ERDE SELBST.“

Nicht lange danach hatten die Gelehrten des Tempels Des Wissens unter mehr oder weniger freiwilliger Zuhilfenahme der Einwohner der Stadt in der Mitte des zentralen Platzes einen gewaltigen und hohen hölzernen Turm errichtet. Dazu wurde ein nicht geringer Abschnitt des nördlichen Waldes jenseits der Wüste gerodet, um Bauholz für den Turm heranzuschaffen. Im Turm selbst wurde ein baumstammdicker aus Stahl geschmiedeter, mit Diamanten bekrönter Bohrer installiert. Um den Bohrer zu betreiben, führten armdicke Transmissionen, Leitungen, Kühlrohre und Kabel aus dem Turm heraus und zur größten Dampfmaschine, die je gebaut wurde. Des weiteren fanden sich auf dem Platz um den Bohrturm solcherlei Dinge wie Brennholz für die Maschine, Bottiche voll mit Kühlwasser, mehrere Kilometer Bohrgestänge und dergleichen mehr. Nördlich des Turmes, auf halbem Wege zum Tempel Des Wissens stand eine prächtige Tribüne, auf der die Gelehrten des Tempels, die Honoratioren der Stadt und geladene Ehrengäste ungeduldig Platz nahmen. Umfangreiche Forschungen hatten nämlich ergeben, dass sich unmittelbar unter der Stadt eine ergiebige Wissensader befinden musste, die an diesem historischen Tage angezapft und zur Steigerung der allgemeinen Gelehrsamkeit ausgebeutet werden sollte.

An weniger prominenter Stelle des Platzes waren die Studenten und die Einwohnerschaft der Stadt versammelt, um diesem einmaligen und nie zuvor gesehenen Spektakel beizuwohnen. Um den Platz herum hatten bereits vor Tagen fahrende Händler, Marketender, mobile Gastronomiebetreiber sowie Wahrsager, Jongleure, Tierbändiger, Feuerschlucker, Zauberkünstler, Gaukler und Schausteller ihre Stände, Buden und Zelte aufgebaut. Eine Horde von zwielichtig anmutenden Taschenspielern und raffinierten Beutelschneidern, exotisch und über die Maßen gewagt gekleideten Prostituierten und anderen sinistren Gestalten vervollständigte das Publikum.

Als es endlich soweit war und mit der Bohrung nach dem Ursprung des Wissens begonnen werden konnte, gab der Direktor des Tempels ein einfaches Handzeichen, worauf eine Anzahl prächtig gekleideter Fanfarenbläsern in ihre blank polierten und flaggengeschmückten Instrumente stieß und das Signal zum Anfangen gaben. Ein wahrer Hüne von Arbeiter nahm das Fanfarensignal auf und legte schwerfällig an der Dampfmaschine einen mannshohen eisernen Hebel um. Langsam und mit viel Gerumpel und Geächze begann der Bohrer im Inneren des Turmes zu rotieren. Am Anfang geschah nichts und das Publikum wollte schon enttäuscht den Platz verlassen oder sich den ihnen dargebotenen, mannigfachen Vergnügungen und Sensationen aus aller Herren Länder widmen, als der Boden des Platzes mit einem leichten, zuerst kaum merklichen Zittern erbebte. Der Bohrer arbeitete jedoch unablässig weiter und seine diamantene Krone fraß sich immer tiefer in das Erdreich. Doch je weiter der Bohrer in den Boden eindrang, desto stärker wurden die Erdstöße, die die Stadt erschütterten. Schon brach die Tribüne zusammen und begrub die Gelehrten und ihre Gäste unter sich. Die Menschen flohen panisch vom Platz und wurden sogleich von herabstürzenden Gebäudeteilen und Trümmern erschlagen. Alle Häuser und Türme der Stadt brachen wie Kartenhäuser in sich zusammen, die Stadtmauern stürzten krachend ein und schließlich zitterte auch der Bohrturm bedenklich, sackte dann in sich zusammen und fiel in erheblichen Teilen auf die Dampfmaschine, die mit einem lauten Knall und unter starker Dampfentwicklung explodierte. Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen und Pfeifen kam der Bohrer zum Stehen und blieb als einziger Wegweiser aufrecht inmitten der Ruinen der Stadt im Boden stecken. Schließlich wurde es ruhig. Die ganze Stadt war zerstört und alles Leben restlos ausgelöscht. Doch die Erdstöße und Erschütterungen pflanzten sich um die Erdkugel, die mein Kopf war, fort und endeten bei Atlas, dem Riesen. Dieser verlor das Gleichgewicht und spießte versehentlich, im Bemühen, die Welt nicht fallen zu lassen, selbige mit seinen Hörnern auf.

In diesem Moment wachte ich mit furchtbaren Kopfschmerzen auf. Ich hatte zu viel Schnaps getrunken, um aus dem Labyrinth der Entscheidungen zu entkommen. Während ich mit geschlossenen Augen im Gras lag, spürte ich die Schmerzwellen, die zwischen meinen Augen, in der Gegend der Nasenwurzel ihren Ausgang nahmen und sich entlang der Stirn in Richtung der Ohren und dann um meinen armen Kopf herum ins Genick fortpflanzten, um dort auf ein zweites Schmerzepizentrum zu treffen, sich mit ihm zu vereinigen und im Inneren meines Kopfes neue Schmerzattacken zu zeugen. Außerdem war mein Mund eine ausgetrocknete und staubige Höhle, die zudem scheußlich schmeckte. Ich weiß nicht, wie lange ich, unfähig zu jeglicher Bewegung dalag, bis ich mich endlich aufraffen konnte, zu dem unerträglich laut plätschernden Bach hinunter zu kriechen, um dort einen kräftigen Schluck Wasser gegen meinen entsetzlichen Brand zu trinken.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
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Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm

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