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Die Suche nach dem Vogel / Teil 5

Kapitel 5 – Der Strom der Gefühle

Ich hatte gerade den ersten Schluck Wasser aus dem Bach genommen, als ich mich auf der Stelle herrlich erfrischt fühlte. Gierig trank ich weiter, um meinen Durst zu löschen. Mein Kopfschmerz löste sich auf wundersame Weise auf und das Schwindelgefühl, hervorgerufen vom Alkohol, verschwand. Dann zog ich meine Kleider aus, legte sie am Ufer des Baches zusammen und stieg in das kühle Wasser. Ich spürte, wie meine Haut angenehm zu kribbeln begann und meine Knochen und Gelenke knackten. Ich fühlte mich herrlich. Mit einem Mal, zuerst ganz langsam, dann immer schneller begann das Wasser im Bach zu steigen. Rasch kletterte ich ans Ufer zurück und schnappte mir meine Kleidung. Immer weiter stieg das Wasser und das vormals gemütlich gluckernde Bächlein verwandelte sich in einen reißenden Fluss. Ich konnte mich gerade noch auf eine kleine Anhöhe retten und sah von dort zu, wie das Wasser begann, die ganze Ebene unter mir zu überfluten. Ich setzte mich, um meine Situation zu überdenken. Noch während ich nachdachte, bemerkte ich, wie sich das Wasser wieder zurückzog und in sein Bachbett heimkehrte, als wäre nichts geschehen.

Am anderen Ufer des Wasserlaufes erspähte ich in nicht all zu weiter Entfernung einen schilfumwachsenen hölzernen Bootssteg, an dem ein nicht gerade vertrauenswürdig aussehender alter Kahn vertäut hing. Allerdings lag das Boot jetzt auf dem Trockenen. Ich beschloss, mich dorthin aufzumachen, um das Wasserfahrzeug näher zu begutachten. Ich stieg also wieder von meinem Beobachtungsposten, gelangte ans Ufer und setzte einen Fuß in den Bach, um hindurch zu waten. Sofort setzte das Kribbeln ein und ein wunderbares Gefühl der Kraft und des Mutes durchströmte meinen Körper. Genau in diesem Moment begann das Wasser, wieder schlagartig anzusteigen und ich schaffte es gerade noch zurück auf meinen sicheren Hügel. Plötzlich ahnte, nein wusste ich, wo ich mich befand und warum das Wasser in dem Bach, der unter mir fröhlich in seinem Bett sprudelte, solch eine wundersame Wirkung auf Körper und Geist ausübte. Ich war am Strom der Gefühle angekommen. Das Wasser, das dort zu meinen Füssen entlang plätscherte, war von meinen Gefühlen durchsetzt und jede Gefühlswallung, jeder Ausdruck von Emotion sorgte dafür, dass es zum Strom der Gefühle anschwoll und von einer Sekunde auf die andere zu einem gewaltigen Fluss werden konnte.

Ich musste jedoch unbedingt dieses Boot erreichen, denn ich ahnte bereits, dass mein Weg auf dem Strom der Gefühle weiterführen würde. Inzwischen hatte sich das Wasser erneut zurückgezogen und ich entschied mich dafür, einen weiteren Versuch zu wagen. Diesmal, so war mein Plan, wollte ich über den Bach, der jetzt noch höchstens einen Meter breit war, springen, um dann schnell in den Kahn einzusteigen. Ich nahm also Anlauf und rannte los. Mein Gefühl sagte mir, dass ich den Sprung problemlos schaffen und das Boot ohne weitere Schwierigkeiten erreichen würde. Doch schon diese Gefühlsaufwallung genügte, um den Strom der Gefühle wieder ansteigen zu lassen und eine Überquerung unmöglich zu machen. Am Ende des Versuches fand ich mich wieder auf meinem Aussichtsposten. Direkt vor mir lag das Boot und war trotzdem vorläufig außer Reichweite.

Während ich auf meinem Hügel saß und beobachtete, wie der Strom der Gefühle wieder in sein Bett zurückkehrte, bemerkte ich neben mir eine Bewegung. Ich sah mich um und blickte in zwei zutiefst gelangweilt dreinschauende Augen. Die beiden Augen gehörten zu einem mächtigen gescheckten Ziegenbock. Er trug zwei kapitale Hörner auf seinem Kopf und einen grimmigen Bart, der so garnicht zu seinem vernebelten Blick passte. Der Ziegenbock schob sich neben mich und ließ sich schließlich mit einem tiefen Seufzer fallen. Gleichgültig blickte er auf den Bach und schnaufte und schniefte dabei vor sich hin, als wäre er des Lebens und all der komplizierten Umstände, die es mit sich brachte, zutiefst überdrüssig. Ich hatte nun Zeit, den Bock genauer zu betrachten. Dabei bemerkte ich, dass die Zeichnung seines Fells in der Flanke die Form einer Null hatte. Dies und den melancholisch trübsinnigen Gemütszustand des Geißbocks berücksichtigend, taufte ich ihn auf den Namen Nullbock.

Der Nullbock wandte sich langsam zu mir um, schaute mir lange und tief in die Augen und allmählich vergaß ich, weswegen ich zu meiner Expedition aufgebrochen war. Im Grunde genommen ist „vergessen“ der falsche Ausdruck für das, was mir nun wiederfuhr. Richtiger Weise müsste man sagen, die Suche nach dem Vogel und alles, was damit zu tun hatte, wurde mir gleichgültig. Ich hatte schlicht und ergreifend keine Lust mehr darauf. Ich wollte auch nicht mehr aus meinem Oberstübchen zurückkehren, sondern zusammen mit dem Nullbock hier an diesem Ort sitzen bleiben und über eine Ebene blicken, die mir im Grunde genommen vollkommen egal geworden war. Nicht, dass es noch irgendeine eine Rolle gespielt hätte, aber trotzdem sah ich, wie der Strom der Gefühle langsam zu einem dürftigen Rinnsal verlandete und im Boden versickerte, bis er schließlich fast ganz versiegt war. Das war offensichtlich für meinen Begleiter das Signal zum Aufbruch. Er stieß mich mehrmals sanft mit seiner feuchten Schnauze an und richtete sich ächzend und unter großen Mühen auf. Ich tat es ihm gleich, obwohl mir jeder Willen dazu fehlte, jetzt aufzustehen und mich den Hügel hinunter zum ausgetrockneten Bach zu schleppen. Doch ich konnte nicht anders, als meinem bockigen Partner zu folgen. Gleichgültig und in bleierner Lustlosigkeit trotteten wir Seite an Seite ans Ufer und durchquerten endlich das trocken gefallene Bachbett.

Am gegenüberliegenden Ufer angekommen war mir nicht weiter zumute, den Weg fortzusetzen, doch der Nullbock stieß mich mit seinen Hörnern an und schob mich schnaufend vor sich her. Als wir beinahe den Bootssteg erreicht hatten, versetzte mir der Bock plötzlich einen heftigen und schmerzhaften Stoß gegen meinen Hintern, der mich in hohem Bogen in das Boot beförderte. Ich schrie laut auf, teils vor Schmerzen, teils aus Überraschung und Empörung. Ich wollte gerade damit loslegen, auf den Nullbock zu schimpfen, als das Wasser in den Bach zurückkehrte und heftig zu steigen begann. Meine spontane und heftige Gefühlsäußerung hatte den Strom der Gefühle unvermittelt anschwellen lassen. Mehr und mehr Wasser umspülte tosend den altersschwachen Kahn und zerrte an ihm, bis er sich schließlich durch die heftige Strömung von seinem Bootssteg losriss und ich ungesteuert, den Strudeln, Verwirbelungen sowie Kreuz-, Quer- und Gegenströmungen meiner Gefühle ausgesetzt, in raschem Tempo flussabwärts trieb.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
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Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm

2 Kommentare

  1. so flüssig geschrieben mit dem anschwellen und abschwellen geht es munter rauf und runter … ich kenne den nullbock nicht leibhaftig, dennoch ist mir der zustand desselben bekannt. Macht lust auf mehr!

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