Kapitel 6 – Der Limbus des Unbewussten

Immer rasanter wurde die wilde Fahrt auf dem ungezähmten Strom der Gefühle. Ich hielt mich an den morschen Bordwänden meines Kahns fest, beobachtete, wie die Flussufer an mir vorbei jagten und stellte mir bang die Frage, ob ich nicht einen Fehler gemacht hatte, als ich beschloss, mich auf diesen Teil meiner Suche zu wagen. Doch es bestand kein Zweifel, dass dies der richtige und einzige Weg sein musste, denn der Nullbock hatte mich mehr oder minder mit Nachdruck in mein steuerloses und zerbrechliches Gefährt befördert. Wie ein Papierschiffchen jagte und kreiselte mein Boot unkontrolliert durch tückische Stromschnellen und über gefährliche Untiefen. Manchmal spürte ich, wie sein Kiel am Grund des Flusses entlang schabte und das Holz der Planken knarzte und ächzte, wenn das Fahrzeug gegen eine Wasserwalze ankämpfte. Plötzlich trieb mein Gefährt geradewegs auf einen schroffen Felsen zu, der mitten aus dem Fluss ragte und den Weg versperrte. Verzweifelt suchte ich etwas, womit ich das Boot an dem Hindernis vorbei steuern konnte, doch mein Rucksack, in dem ich irgendein Hilfsmittel zu finden hoffte, war vor kurzer Zeit bei der riskanten Passage über einen kleinen Wasserfall über Bord gegangen. Da auch keine Riemen oder ein Steuer vorhanden waren, versuchte ich schließlich mit bloßen Händen paddelnd und rudernd den heimtückischen Felsen zu umschiffen. Doch es war alles vergebens – der Kahn ließ sich nicht von mir navigieren und krachte schließlich in voller Fahrt gegen das Riff, an dem er in tausend Stücke zerschellte. Ich wurde ins Wasser geschleudert.

Als ich nach einer endlos erscheinenden Zeit, nach Luft schnappend, wieder an die Oberfläche kam, versuchte ich sofort, mich an dem Felsen festzukrallen, doch ich fand keinen Halt, denn der Stein war glitschig und über und über mit schmierigen Algen bewachsen, die ihre langen Fäden in der Strömung treiben ließen. Hilflos und einer wirren, sich ständig ändernden Ansammlung hydrologisch unklarer Situationen ausgeliefert, die zu ergründen einiges an chaostheoretischem Hintergrundwissen erfordert hätte, trieb ich an der Kante des Felsens entlang und versuchte, mit meinem Kopf nicht noch einmal unter Wasser zu geraten, denn ich mochte mir nicht vorstellen, welche katastrophalen Folgen sich ergäben, würde ich versehentlich auch noch etwas von dem emotionsgeladenen Gebräu des Flusses verschlucken. Darum gab ich mich der Strömung hin, ohne weiter dagegen anzukämpfen, passierte schließlich glücklich das Hindernis und gelangte in ruhigeres Wasser. Mein erster Gedanke war, so schnell wie möglich das rettende Ufer zu erreichen, doch als ich mich umblickte, fand ich mich von senkrechten Felswänden umgeben, die sich irgendwo weit oben im Nebel und den Wolken verflüchtigten. Ich war am Ende des Flusses angelangt. Doch er ergoss sich nicht in ein Meer, sondern endete in einem gewaltigen, sich gemächlich drehenden Strudel und mir wurde im selben Augenblick klar, dass der Strom am Ende seiner Reise in einen wahren Gefühlsstrudel mündete. Langsam kreiste ich spiralig um das Zentrum des Strudels, der das Wasser in seiner Mitte wie durch einen Trichter absaugte. Mit jedem Umlauf kam ich dem Zentrum des Mahlstromes etwas näher, ich wurde schneller und schneller mit der Strömung mitgerissen und am Ende in den Strudel hinein gesogen.

Ich fiel. Die Luft, die mich umgab, war gesättigt von fetten, zerplatzenden Wassertropfen aus dem Strom der Gefühle, die mich wie sprühender Nieselregen umgaben und ich sah, wie ich an dunstigen Landschaften, berstenden Ruinen, zerbröckelnden Wänden und zerfallenen Mauern vorbei immer tiefer und tiefer stürzte. Nach und nach wurden die Strukturen um mich herum unklar, sie verschwammen, verwischten und verflüchtigten sich zu Schemen, bis sie endgültig verschwanden und von einem diffusen, körper- und substanzlosen Weiß abgelöst wurden. Und irgendwann fiel ich nicht mehr, ohne je gelandet zu sein. Ich spürte, dass ich am Ziel meiner Reise angekommen war. Um mich herum war Weiß. Es gab kein Licht, keinen Schatten, keinen Wind und keine Geräusche. Ich befand mich in einem unendlich großen, konturlosen Raum. Das einzige, was es hier von Zeit zu Zeit zu sehen gab, waren Blitze, die sich lautlos in weiter Ferne entluden. Ich war im Limbus des Unbewussten eingetroffen, dem einzigen Ort in meinem Oberstübchen, den ich niemals schauen wollte und aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Die Entladungen am unsichtbaren Horizont waren nichts anderes als das letzte schüttere Aufflackern von Bewusstsein, bevor es sich im Limbus verlor. Meine Kleider waren mir auf meinem Ritt in den Strudel der Gefühle längst vom Leib gerissen worden und so setzte ich mich, wie ich war, auf den Boden und wartete auf das Ende. Bald spürte ich, wie der Limbus des Unbewussten seine unsichtbaren Fühler nach mir ausstreckte, zuerst tastend und dann fester nach mir griff, in mich eindrang, zerrte und zog und mir Stück für Stück das Bewusstsein aus dem Körper sog. Ich ließ ihn dabei gewähren, ohne Widerstand zu leisten. Bald wurde mir leichter und ich vergaß, was mich in mein Oberstübchen geführt hatte, vergaß die Suche nach dem Vogel, vergaß die Erlebnisse, die ich auf meiner Reise hatte, meinen Namen und zum Schluss mich selbst. Und ehe ich die verbliebenen Reste meines Bewusstseins endgültig an den Limbus des Unbewussten abtrat, glaubte ich für den winzig kleinen Bruchteil eines Moments ein leises, einzelnes und zaghaftes Zwitschern vernommen zu haben. Dann war nur noch Leere und ich wurde Eins mit dem Limbus.

Ich weigerte mich beharrlich, aufzuwachen, denn ich fühlte mich in einem allzu behaglichen Zustand träger Wohligkeit, als dass ich diesen überaus wertvollen und schnell vergänglichen und überaus flüchtigen Augenblick zwischen Schlaf und Wachsein sinnlos verstreichen lassen wollte. Ich spürte, dass ich in meinem bequemen, weich gepolsterten Lehnstuhl saß, die Füße in meinen gemütlichen Pantoffeln auf der Bank. Ich war in meinen flauschigen Morgenmantel gewickelt und hörte das muntere Knistern und Knacken verbrennenden Holzes im Kamin. Ich befand mich in der Guten Stube, soviel war klar. Doch wie war ich hierher zurückgekommen? Ich erinnerte mich noch vage, dass ich in den alles verschlingenden Limbus des Unbewussten gefallen war und mich dort dem allumfassenden und endgültigen Vergessen ergeben hatte. War alles, was ich bis zu diesem Punkt erlebt hatte, am Ende nur ein Traum? Das konnte nicht sein, denn ich merkte, dass ich unter dem Morgenmantel keine Kleidung trug. Ich öffnete endlich die Augen und sah zu Der Tür hinüber. Sie war angelehnt, das Lexikon lag immer noch als Stopper zwischen Eingang und Schwelle. Verwirrt und desorientiert richtete ich mich von meinem Lehnstuhl auf und blickte mich in der Guten Stube um. Alles war wie immer, die Möbel, die Bilder, das prasselnde, wohltuende Feuer im Kamin. Doch dann bemerkte ich den Vogelkäfig, der auf dem Schreibpult stand. Ich stand aus meinem Lehnstuhl auf, ging hinüber und sah im Käfig eine kleine Meise, die aufgeregt zwischen zwei hölzernen Stangen hin- und herhüpfte, den Kopf schief hielt und mich wissend anblickte. Von Zeit zu Zeit zwitscherte sie in ihrem Gefängnis, hüpfte auf den mit Vogelsand bedeckten Boden und holte sich einen Sonnenblumenkern oder ein Hirsekörnchen aus ihrem Futternapf. Hatte ich meinen Vogel am Ende doch gefunden? Oder er mich? Ich hatte es im Limbus vergessen – ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, doch ich wusste instinktiv, was nun zu tun war. Ich ging zu Der Türe, hob das Lexikon auf, stellte es an seinen Platz im Bücherregal zurück, schloss ab und hängte den Schlüssel an seinen Haken. Dann warf ich ein Tuch über den Vogelkäfig, damit sich die Meise nicht zu sehr aufregte, nahm den Käfig und verließ die Gute Stube, um dem Vogel seine Freiheit zu schenken.

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Notizen-WebtErschienen ist die Kurzgeschichte „Die Suche nach dem Vogel“ in den Notizen aus dem Oberstübchen:

Notizen aus dem Oberstübchen
von Martin Gehring
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Mit seinem Sammelband ‚Notizen aus dem Oberstübchen‚ nimmt der Ulmer Autor Martin Gehring den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Expedition durch sein Gedankenuniversum.

Humorvolle Limericks wechseln sich mit überraschenden Essays und Miniaturen, spannende Erzählungen mit (un)sinnigen Gedichten ab und vermitteln so einen Einblick in die Gefühlswelt des Autors.

Notizen aus dem Oberstübchen‚ ist ein Buch zum Schmökern, Lachen und Träumen, aber zugleich auch ein Leitfaden zum eigenen Nachdenken.

Broschiert: 102 Seiten
Verlag: Manuela Kinzel Verlag
Auflage: 1 (24. September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937367989
Preis: € 9.95
Größe und/oder Gewicht: 11,3 x 1,5 x 21,1 cm