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Die Autorenseite von Martin Gehring

Filderkraut

Es herrschte noch tiefste Dunkelheit, als Bauer Hämmerle seinen Krautacker auf den Fildern erreichte. Fröstelnd und mit knackenden Gelenken kletterte er von seinem Einundsechziger Eicher, dessen hellblaue Lackierung mit der undurchdringlichen Nebelsuppe verschmolz, die alles wie ein Leichentuch bedeckte. In der Ferne hörte man gedämpft die Hupe eines Lastwagens auf der Autobahn. Zischend atmete Hämmerle einen Schwall kühler Luft ein, hob den Kopf und hielt seine große, von der Kälte gerötete Nase in den Wind, als wolle er den Reifegrad seiner Kohlköpfe zu erschnuppern. Dann fischte er seine Zigarettenschachtel aus der Manteltasche, zündete sich mit dem Einwegfeuerzeug eine Ernte 23 an und wartete auf die Morgendämmerung. Während er rauchend an seinem Traktor lehnte, vernahm er plötzlich, gedämpft durch das gleichmäßige Blubbern des Dieselmotors, ein leichtes Schaben und Kratzen, das so klang, als käme etwas im Schutze der Dunkelheit näher gekrochen. Hämmerle blickte sich suchend um. Nichts zu sehen, aber das lag zweifellos am dichten Nebel, der in schweren Schwaden über dem Acker waberte und alles, was mehr als zwei Meter entfernt war, in gleichförmigem Grau verschwinden ließ. Sicher nur ein paar Feldmäuse auf der Suche nach einem Frühstück. Der Bauer blickte, herzhaft und lautstark mit weit aufgerissenem Mund gähnend, auf die grünlich floureszierenden Zeiger seiner Armbanduhr, deren Glas in der feuchtigkeitsgesättigten Luft sofort beschlug und beschloss, sich bis zum Sonnenaufgang noch ein wenig die Füße zu vertreten.

Mit weit ausholenden Schritten, die klammen Hände tief in die Taschen seines Bundeswehrparkas vergraben, stapfte der bullig gebaute Mittsechziger unter entschlossenem Schnaufen um seinen Bulldog und den angehängten Ladewagen. Dabei setzte sich immer mehr matschiger Ackerschlamm an den Profilsohlen seiner wuchtigen Filzstiefel fest und machte die Schritte schwer und schwerer. Schließlich hatte er sein Gespann einmal umrundet. Hämmerle hielt an und besah sich, keine bestimmte Melodie pfeifend, die Kohlköpfe, die in nächster Nähe wuchsen. Unwillkürlich verstummte er und sein Herz begann schneller zu schlagen. Waren die Gewächse während seines Spaziergangs etwa nähergekommen? „So ein Scheißdreck“, verwarf er seinen Gedanken. Im Nebel werden die Augen leicht einmal getäuscht. Hämmerle atmete kopfschüttelnd und einen kleinen Moment lang an seinem Verstand zweifelnd auf, blickte in Richtung unsichtbarer Horizont und setzte zur nächsten Runde an. Als er nach einiger Zeit, eine neue Zigarette im Mund, wieder am Ausgangspunkt angelangt war, traute er seinen Augen nicht. Die Krautköpfe standen jetzt in der Tat wesentlich näher am Traktor als zuvor. Und es waren mehr geworden. Sehr viel mehr, denn sie waren plötzlich dicht an dicht versammelt und bildeten einen Ring um ihn. Eiskaltes Entsetzen überkam Hämmerle und er hatte das Gefühl, eine krallenbewehrte Klaue würde, gleich einem Schraubstock, seine inwendige Anatomie langsam und erbarmungslos zusammenquetschen.

Der Bauer stand wie erstarrt neben seinem betagten Schlepper und schwankte zwischen sturem Unglauben und nacktem Grauen. Etwas in ihm wollte auf der Stelle die Flucht ergreifen. Doch gleichzeitig hielt ihn der Gedanke, dass er die Ernte einbringen musste, ehe sie verdarb, davon ab, auf den Traktor zu steigen und einfach davon zu fahren. Seine Frau, ja alle würden ihn für vollkommen verrückt halten. In diesem Augenblick hörte er das Schaben erneut und diesmal war es direkt vor ihm. Die halb gerauchte Zigarette fiel ihm aus dem Gesicht, als er sah, was sich zu seinen Füßen abspielte. Ein Kohlkopf war nähergekommen und versuchte zitternd und brummend auf seinem linken Stiefel Wurzeln zu schlagen. Mit einem erstickten Aufschrei und einem heftigen Tritt kickte der Landwirt die Pflanze in den Nebel. Doch es war zu spät. Mehrere Kohlköpfe hatten sich unterdessen von hinten angenähert und schlangen ihr Wurzelwerk um Hämmerles Stiefel. Rasch wollte er sich auf seinen Traktor in Sicherheit bringen, doch er hatte zu lange gezögert. Er schaffte es gerade noch, den einen Fuß auf das Trittbrett seines Bulldogs zu bekommen, doch der andere wurde von den Krautköpfen mit eisernem Griff am Boden festgehalten. Und nicht nur das. Hämmerle hatte das schreckliche Gefühl, in die schwarze, fette Erde hineingezogen zu werden.

Verzweifelt versuchte er, sich mit aller Kraft auf den Sattel seines Eichers zu stemmen, als er bemerkte, dass der Platz schon von anderen besetzt war. Mehrere Spitzköpfe seines Filderkrauts, Handelsklasse A waren irgendwie unbemerkt von der anderen Seite auf die Sitzfläche gelangt und griffen den Bauern nun von vorne an. Einer der Kohlköpfe auf der Bank begann zu vibrieren und dabei leise zu summen, als tanke Energie auf. Dann stieß er sich ab, sprang er dem verdutzten Hämmerle ins Gesicht und trieb sofort seine dreckverklumpten Wurzeln in dessen Ohren, Nasenlöcher und den Mund, mit dem er gerade zu einem verzweifelten Hilfeschrei anheben wollte, von dem er genau wusste, dass ihn niemand mehr hören würde. Hämmerle stürzte mit, vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, die nichts anderes mehr sahen als einen durchgedrehten Krautkopf, der sich gnadenlos in ihn hineinbohrte, rückwärts von seinem laufenden Traktor, krachte schwer mit einem dumpfen Aufschlag in das tiefe Geläuf des Ackers und versuchte voller Panik in einem letzten hoffnungslosen Aufbäumen, sich von den mörderischen Kohlgewächsen zu befreien, die nun zu Hunderten, begleitet von einem ohrenbetäubenden Brummen, über ihn hergefallen waren. Doch es war vergebens. Die rasenden Pflanzen hatten den Bauern fest im Griff ihrer Wurzeln, schnürten ihm langsam und eisern den Hals zu und drückten ihn mit ihren vor Feuchtigkeit knarzenden und quietschenden Deckblättern und ihrem ganzen Gewicht unbarmherzig immer tiefer in den feuchten und schweren Boden. Schließlich hörte Hämmerle auf, in wilder Verzweiflung um sich zu schlagen, sein Zappeln ließ nach und am Ende bewegte er sich gar nicht mehr. Er war tot.

Am östliche Horizont wurde es langsam hell und die aufgehende Sonne färbte die wehenden Nebelfahnen über dem Feld in einen malerischen, spätherbstlichen Gelborangeton, als die Kohlköpfe ihr mörderisches Werk schließlich vollendet hatten. In der Ferne hörte man das heisere Krächzen einiger flatternd auffliegender Saatkrähen. Ein paar Hasen jagten verspielt am Feldrain entlang, verharrten von Zeit zu Zeit, Männchen machend mit aufgerichteten Löffeln und mümmelten an heruntergefallenen Kohlblättern. Hämmerle, der an diesem Morgen eigentlich sein Filderkraut ernten wollte, lag mit verrenkten Gliedern mausetot einen knappen Meter tief unter der Ackerkrume. Die Pflanzen hatten sich, nachdem Hämmerle unter die Erde gebracht war, einem lautlosen Kommando folgend, auf dem Feld ordentlich in Reih’ und Glied zurückbegeben. Alles war wie immer. Bis auf die glühende Zigarettenkippe in einem Stiefelabdruck und dem Einundsechziger Eicher, dessen Motor noch lief.

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2 Kommentare

  1. Der Aufstand der Kohlköpfe. Dann ist Ruh in Salat. Tolles sprachliches Meisterwerk. Ich las es mit Vergnügen, obwohl … na ja … in dem FallE!

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