Der Kongress der Cholyriker

Allgemein ist was sich reimt,
landauf, landab bekannt als Lyrik.
Gefühlvoll trieft sie vor Poesie,
voll Schönheit ist sie und meist rührig.

Der Dichter, der all dieses schafft,
ist weltfremd oft und tief versponnen
Sein Blick verträumt in Weiten schweift,
die er erdacht hat und ersonnen.

Das ist es, was der Leser glaubt,
wenn er schwelgt in hehren Zeilen.
Nur: Die Wahrheit ist doch anders.
Speziell, wenn Lyriker sich keilen.

Heut ist cholyrischer Kongress:
Da sieht man die Poeten brüllen
und der Kollegen Manuskripte
zornig, wutentbrannt zerknüllen.

Der Müller plärrt eine Ballade
von Vogelsang und Waldesruh‘.
Sie geht in wildem Toben unter,
denn keiner hört dem Affen zu.

Die Kellnerin schluchzt tief verzweifelt,
nachdem sie kurz im Festsaal war,
Buchstabensuppe war bestellt.
Die hat sie jetzt auf Kleid und Haar.

Mit rotem Kopf zückt Fischer nun
seinen „Zyklus von der Liebe“.
Der ist dreihundert Seiten stark
und eignet sich famos für Hiebe.

So stürzt er wild sich ins Getümmel
und nimmt Frau Hämmerle aufs Korn.
Die lispelt noch zur Abwehr Jamben,
doch Fischer trifft direkt von vorn.

Diese hebt nun rasch das Knie.
Lauthals kreischend Zeil‘ um Zeile,
rammt sie dieses mit Geschick
dem Fischer in die weichen Teile.

Seht, nun geht es richtig los:
Verse schießen durch den Saal
Man giftet sich in Reimform an,
mal fies von hinten, mal frontal.

Dem Ackermann der Kragen platzt.
Darum legt er ans Tischtuch Feuer.
Händeringend seufzt der Wirt:
„Ach du Schande. Das wird teuer.“

Sonst dichtet Ackermann nur Schönes:
Von Rehlein und von Blumenwiesen.
Doch sieht man ihn jetzt hochcholyrisch
Salatöl in die Flammen gießen.

Die Dichter wanken nun ins Freie,
um sich freundschaftlich zu trennnen.
Mit Wehmut und mit tränend‘ Herz
sieht man das Gasthaus niederbrennen.

Wie war doch dieser Ort so schön.
Romantisch, lauschig unter Linden.
Ach, nächstes Jahr für den Kongress,
da wird sich schon was Neues finden.